1 Tag bis Nepal 2017.

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Abreise und nochmal Kathmandu

Rückreise

Wir sitzen im Flieger nach Istanbul. Um mich herum schläft alles ein. Wir haben gefrühstückt und nähern uns wieder unserem normalen Leben. Eine wirklich ereignisreiche Zeit ist vorbei. Doch zuerst der gestrige Tag:

Schon aus purer Gewohnheit sind wir früh aufgestanden und haben um 7 gemeinsam mit Father Michel und den Sisters gefrühstückt. Ein bisschen komisch war die Stimmung schon. Milena ist vom Father verabschiedet worden und auch wir haben uns für die wirklich fürsorgliche und herzliche Unterbringung und Verpflegung bedankt. Es ist ja für uns nur ein kurzer Abschied. Danach haben wir gepackt, geputzt, den Blog des letzten Tages geschrieben und um 11 ging es los nach Kathmandu. Zwischenstopp an der Little Flower School mit – natürlich – Mittagessen. Verabschiedung von Boby und den anderen. Leider hat uns Kishor nicht nach Kathmandu gebracht. Wir haben ihn und seine ruhige, freundliche Art sehr gemocht. Auch wenn es mit der Verständigung nicht immer so gut geklappt hat – am Ende war alles immer richtig. Wir haben uns bei ihm im Fahrzeug im leicht chaotischen nepalesischen Verkehr immer gut aufgehoben gefühlt. Von da her war nun die Fahrt mit einem anderen Fahrzeug und einem neuen Fahrer (ein Father der Little Flower School) nach Kathmandu schon anders. Große Verblüffung hat Simon hervorgerufen, als er auf dem Tablet den Weg zum angestrebten Hotel leiten konnte. Der modernen Technik sei Dank. Aber beide Fathers konnten mit dem Ding nichts anfangen. So mussten wir leiten.

Die Fahrt durch Kathmandu war allerdings mehr als ernüchternd. Meine Aussagen vom ersten Tag muss ich zum Teil revidieren. Es ist wieder mehr los in der Stadt. Der Verkehr ist zwar noch nicht so extrem wie 2013, aber schon deutlich gestiegen innerhalb einer Woche. Die Menschen scheinen wieder in die Stadt zurückzukehren. Allerdings fallen unseren mittlerweile geschulteren Augen doch deutlich mehr zerstörte oder von der Zerstörung bedrohte Häuser auf. Wir beschließen auf jeden Fall noch einen Gang durch die Stadt. Aber erst Mal ein Hotel suchen. Die geplante Übernachtung in der Don Bosco Schule haben wir abgesagt, da dort mehrere Delegationen einquartiert sind und wir den letzten Abend so gestalten wollten, wie wir es mögen und nicht wieder einen „offiziellen“ Termin wahrnehmen. Davon gab es in den 7 Tagen genug.

Also lassen wir uns im Touristenstadteil Thamel absezten. Dort waren wir bei unserem ersten Besuch und so kenne ich mich etwas aus. Der Abschied von Father Michael ist sehr herzlich, und ich glaube, er freut sich, sehr bald wieder eine Menge Scouter um sich zu haben. Zu meinem Bedauern ist das Hotel Buddha derzeit geschlossen (zu wenig Touristen) und das Kathmandu Guest House, in dem wir auch untergebracht waren, ist „under construction“, aber offen. Nicht wegen des Erdbebens, wie man mir versichert, aber ich lehne dankend ab. Schnell ist aber ein Ersatz gefunden. Der Stadtteil ist voll mit Hotels. Wir bekommen zwei Zimmer mit Transfer zum Flughafen für vernünftiges Geld. Um zirka 16:30 Uhr stehen wir wieder auf der Straße und wollen die letzten Stunden Tageslicht nutzen, um abseits der Hauptstraßen die Folgen der Beben zu erkunden.

2 Stunden, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde.

Der Stadtteil Thamel scheint größtenteils verschont geblieben. Wir sehen lediglich ein Haus, das vollständig eingestürzt ist, und die drei daneben liegenden sind mit Balken provisorisch abgestützt. Aber nicht mehr bewohnbar. Sie müssen bestimmt abgerissen werden. An der Hauptstraße ist das Bild noch normal. Wir biegen in eine Seitenstraße ein und stehen in einer menschenleeren Straße. Alle Häuer sind geräumt. Einsturzgefahr. An der nächsten Ecke ein Schuttberg. Groß wie ein halber Fußballplatz. Das war ein ganzer Block. Die Straße hier ist erstaunlicherweise wieder bewohnbar und die Menschen gehen scheinbar ihren normalen Tätigkeiten nach. Sie grüßen uns freundlich. Ich komme mir tatsächlich vor wie im Film. Wir biegen um die nächste Ecke und stehen fast an einem Fluss. Zwischen uns und dem Wasser liegt nur ein weiterer Schuttberg, auf den wir steigen. Liegen hier womöglich noch Tote unter meinen Füßen? Es riecht fürchterlich. Das kommt vom Fluss. Die Ufer sind voll mit Müll und Fäkalien. Und zwischen Schutt und Fluss ein alter Bekannter – die blauorange Plane. Hier leben Menschen. Spielen Kinder, bellen Hunde, es wird gekocht, gegessen und auch gelacht. In den Trümmern eines Hauses steht ein junges Mädchen mit geschminktem Gesicht und flirtet mit einem jungen Mann, der auf der Brücke steht. Mein Blick wandert über den Fluss. Die Umrisse eines Tempels. Man kann ihn noch erkennen. Aber der oberste Teil ist halb herabgefallen. Sieht nicht gut aus. Wir gehen über die Brücke zum Tempel. Der Gestank auf der Brücke ist unfassbar. Selbst Simon muss würgen und der bekommt ja von Berufs wegen so einiges mit. Ich bin eigentlich auch nicht zimperlich – dachte ich immer. Da hilft nur durch den Mund atmen. Aber es staubt. Da wünsche ich mir, auch eine Maske wie viele sie tragen. Auf der anderen Seite ist die komplette Außenwand eines Gebäudes nicht mehr da. Die Wohnung dahinter ist noch ganz eingerichtet. Wie ein Puppenhaus, denke ich. Makaber. Am Tempel angekommen sieht man, dass vieles zerstört ist. Aber die Leute versammeln sich, um zu beten und miteinander zu sprechen. Es scheint, als haben sie sich an das Chaos, den Dreck, die Zerstörung und den Staub gewöhnt oder es verdrängt.

Die Bilder und Eindrücke dieses Rundganges könnte ich seitenlang fortführen. Aber nach zirka 2 Stunden ist es uns genug. Unser Speicher ist voll. Wir wissen nicht, ob wir Katastrophentourismus betreiben, die Leute nerven und schon gar nicht, was wir tun sollen. Zurück zum Hotel. Hinsetzen und Reden. Das Gesehene verarbeiten. Wir setzten uns in den Innenhof eines Restaurants. Es ist wie auf einem anderen Planeten. Wir stellen alle drei erstaunt fest, dass wir Hunger haben und bestellen Essen. Versuchen uns in Normalität. Nach dem Essen nochmal durch Thamel schlendern. So als wäre nichts gewesen. Milena kauft noch ein paar Freundschaftsbändchen. Ich lehne dankend ab. Ein Freund ist sie geworden, durchaus. Schnell durch das viele, was wir in kurzer Zeit erlebt haben. Das ist dicker als so ein Bändchen. Um halb neun stehen wir vor unserem Hotel. Vernünftig jetzt schlafen zu gehen. Schließlich war der Tag anstrengend und der Wecker klingelt um halb fünf. Aber keiner macht den Anfang. Es ist nicht die Angst vor dem Schlafen in Kathmandu und der Gefahr eines Erdbebens. Das ist irgendwie ganz weit weg. Ich glaube es ist die Angst vor den Bildern. Also gebe ich ein Stichwort: Bierchen?

Ja, das ist gut. Einige Häuser neben dem Hotel ist eine Kneipe. Es laufen die Drop Kick Murphys. Simon und ich schaun uns an. Gut rein. Wir bestellen uns Bier und sprechen wieder. Über heute und wie schlimm das auch hier für die Menschen sein muss und fragen uns, warum wir keine Helfer gesehen haben. Sind die alle weg? Jetzt fängt die Arbeit doch erst richtig an und „der Regen naht“ (nicht wie in Game oft Thrones der Winter…..). Helfen wir an der richtigen Stelle? Ist es richtig, mit den Scoutern zu kommen? Begeben wir uns womöglich doch in Gefahr?

Nein, tuen wir nicht. Und es ist richtig, was wir machen und machen wollen. Auch in diesem Land und auch dort für die Chepang. Unsere Reise war ja genau dazu da, um uns ständig diese Fragen zu stellen und zu prüfen, ob wir alles verantworten können.

Und so ist das Fazit dieser Reise (wenn man das so nennen kann) ganz klar. Simon und ich sind fester entschlossen denn je, das Projekt im Herbst zu starten. Für die Menschen in Chitwan, die auf uns und unsere Hilfe (und ja auch auf unser Geld) warten. Wir bedeuten dort viel. Aber auch für uns und unsere Jugendlichen ist es wichtig. Als Gruppe und als Einzelner. Wenn ich höre, wie Milena über ihre Zeit hier spricht, kann es für junge Europäer nur gut sein, auch mal die andere Seite der Medaille kennenzulernen. Im Übrigen auch für Alte wie mich.

Ich hoffe, dass meine Texte und Simons Bilder gefallen haben. Es gibt gerne mehr Geschichten und Bilder. In der Hütte an Pfingsten, in der Sibylle oder wo immer ihr wollt. Und, liebe Mitfahrer, es gibt viel zu tun. Wir müssen uns auf anstrengende Arbeitstage, zwei Fußballspiele, jede Menge Eindrücke und bestimmt auch sehr viel Spaß gefasst machen. Ich freue mich sehr darauf und bin dankbar für alles, was ich in der letzten Woche erleben durfte und manchmal auch musste. Und das Ganze noch mit zwei tollen Menschen, Milena und Simon. Und jetzt freue ich mich auf Daheim und dass ich eins habe. Mit meinem ganzen Rudel drin und aus Stein und heile.

Jan

PS: THE BOYS ARE BACK IN TOWN. Wir sind wolbehalten wieder in Bonn/Köln angekommen

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