1 Tag bis Nepal 2017.

Sie sind hier

Lebensmittelverteilung

Lebensmittelverteilung

Unser letzter Tag in Tandi. Es sollte in den Südwesten gehen. Zu den Bankeria. Ein Volk, das den Chepang nahe ist, sich aber laut eigener Aussage nicht dazugehörig fühlt. Es gibt noch 25 Familien und diese leben alle im gleichnamigen Ort.

Die Anfahrt alleine ist schon ein Abenteuer. Wir sind mit drei Fahrzeugen unterwegs. Kishor fährt, wie immer ruhig und besonnen, mit „unserem“ Mahindra. Dazu noch ein weiterer Geländewagen, in dem einige Sisters, die für die medizinische Versorgung zuständig sein werden, und einige Helfer sitzen. Der dritte Wagen, ein ortsüblicher Pick up Truck, ist vollgestopft mit Lebensmittel.

Die erste Stunde geht es über normale Straßen. Dann biegen wir ab Richtung Fluss und müssen eine Behelfsbrücke überqueren. Da die Brücke in einem abenteuerlichen Zustand ist und der Pick up zu schwer, beschließen wir, die Last auf die drei Wagen zu verteilen. Umladen. Kein Spaß bei heute selbst für Nepali warmem Wetter. Die Brücke hat zwei Stellen, die nicht leicht zu meistern sind. Kishor fährt zuerst. Kein Problem für ihn. Der zweite Geländewagen tut sich etwas schwerer. Den Fahrer verlässt an entscheidender Stelle fast der Mut. Er schafft es aber noch. Als letztes fährt der Pick up und bleibt an besagter Stelle stehen. Wir haben wirklich Sorge, dass er kippt. Ab auf die Brücke und mit sechs Mann geschoben. Gott sei Dank geht es gut. Eine weitere ¾ Stunde fahren wir durch ein fast ausgetrocknetes Flussbett und erreichen dann das Dorf  der Bankeria. Wir werden schon erwartet. Eine der Sisters hat diese Tour schon einige Tage zuvor gemacht und ermittelt, welcher Bedarf an Medikamenten und Lebensmitteln besteht. Wir wissen also genau, was wir weggeben dürfen.

Das Dorf wirkt auf uns im ersten Augenblick wie ein lebendiges Museum. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Bewohner abends nicht in ihr Reihenhäuschen gehen und sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. Dazu sind tatsächlich auch einige Häuser durch die Beben zerstört. Da die Menschen hier aber kaum Informationen haben und nicht wissen, was noch passiert, finde ich hinter dem Dorf auf einer kleinen Lichtung das mittlerweile schon altgewohnte Bild. Zelte aus blauorangen Planen. Die Bankeria trauen sich ebenfalls nicht mehr, in ihren Häusern zu schlafen. Wie wichtig die Lebensmittel hier für die Menschen sind, wird mir hier noch einmal deutlicher. In der Regenzeit (also für 2-3 Monate) wird der Fluss so stark anschwellen, dass die Menschen abgeschnitten sind. Im Normallfall schon schwer, aber durch das Erdbeben und die daraus resultierenden Erdrutsche sowie der Angst und Unsicherheit sind Teile der Anbauflächen für das Grundnahrungsmittel Mais zerstört oder nicht bearbeitet worden. Dazu kommt, dass einige Lagerhäuschen zerstört sind.

Diese zwei Säcke Reis, der Sack Bohnen, das Salz und ein paar Beutel Öl für eine Familie (ca. 8 Personen) müssen also helfen, diese schwere Zeit zu überstehen. Obwohl den Menschen das klar ist, sind sie alle sehr freundlich und dankbar. Die Verteilung geht sehr ruhig von Statten. Nach einer anfänglichen Scheu der Kinder werden sie neugierig und lassen nach unseren Namen fragen. Simon darf alles fotografieren. Das Dorf und auch die wenigen Tiere sehen den Umständen entsprechend gepflegt und ordentlich aus. Es ist nahezu ein idyllisches Szenario. Aber immer wieder schießt es mir durch den Kopf: „Die Regenzeit naht…“, was wird dann hier sein? Die Fahrer wollen weiter. Wir haben erst den kleinsten Teil verteilt. Das reißt mich aus meinen Gedanken.

Weiter geht es über Stock und Stein, durch kleine Flüsschen und Richtung Urwald. Wie lange, weiß ich nicht. Mein Rücken und meine Bandscheiben sagen, dass es lange war. Wir halten am Rand des Urwaldes. Es sind schon einige Menschen hier. In kurzer Zeit ist die Menge auf zirka 150 Personen angewachsen. Es sind die Chepang aus den Wäldern, die herunterkommen, um sich die Unterstützung zu holen. Sie zu besuchen, wäre nicht möglich. Zumindest nicht für uns mit einem Sack Reis auf dem Rücken. Die Stimmung ist trotz der Lage recht gut. Unter den ausladenden Blättern eines Bananenbaumes wird die „Apotheke“ eingerichtet und die Medikamente vergeben. Diagnosen hat die Schwester beim ersten Besuch gestellt. So geht das auch relativ zügig. Schlaues System. Milena kennt einige der Kinder, die auf der Navodaya School unterrichtet werden, und wird freudig begrüßt. Zumal die von ihr gesammelten Spenden Teile der Lebensmittel finanzieren. Der größte Teil der insgesamt 25 dieser bisher durchgeführten Camps hat Ruth durch Shanti med Nepal finanziert. In Summe 25.000,00 €.

Bei der Verteilung der Lebensmittel geht es, trotz der Menge an Menschen, auch sehr gesittet zu. Die Chepang sind gewohnt zu teilen. Und noch etwas fällt mir auf – die Kinder und Jugendlichen sind es eigentlich, die das hier organisieren – die Erwachsenen tun das vor der Hand, aber die Zettel, wer was und wieviel bekommen soll, haben die Jugendlichen und steuern das diskret. Das überzeugt mich noch mehr, als ich es schon war. Der Aufbau der Schule im Herbst ist eine richtige Entscheidung.

Nach zwei Stunden ist alles erledigt. Die Chepang ziehen schwer beladen mit ihren Säcken und einem Lächeln im Gesicht in die Berge. Nach wenigen Minuten herrscht Stille und um uns herum ist nur Natur. Wir werden von einer Familie, die in der Nähe wohnt, zum Essen eingeladen. Es gibt, wen wundert`s, Reis mit Bohnen. Dazu wurde ein Huhn geschlachtet. Eine große Geste. Nach dem Essen machen wir uns auf den Rückweg. Er ist genauso beschwerlich wie der Hinweg. Nur die Brücke schreckt uns nicht mehr. Die Wagen sind ja leer. Milena, Simon und ich stellen noch einige Fragen. Als wir auf der Hauptstraße sind, wird es langsam still im Wagen. Wir sind erschöpft und nachdenklich und jeder verarbeitet das Erlebte.

Zurück zu Hause (ja das ist die Schule hier für uns) gibt es Wassermelone und Kuchen. Verrückte Welt. Aber wir sind dankbar. Es wird auch wieder gelacht und gescherzt. Wir ruhen uns etwas aus, pflegen unseren Sonnenbrand (besonders ich) und machen uns dann auf den Weg zu Ruth, um unser Werkzeug nun final zu sichten. Bei Ruth angekommen erzählen wir ihr von unseren Eindrücken und sie gibt uns noch viele weitere Informationen zu Land, Leuten und den Umständen. Dann wird das Werkzeug gezählt, sich verabschiedet (für Simon und mich ist es ja nicht lange – nur 135 Tage) und zurück geht’s zum Abschiedsessen für Milena an die Schule. Waren wir zwei Jungs mit Rädern schon eine Attraktion – mit einer hellhäutigen Frau sind wir eine Sensation. Zurück an der Schule versuche ich den Blog zu schreiben. Stelle aber fest, dass es eine E-mail mit Fragen aus Deutschland zu unserem Aufenthalt gibt. Erst das. Dann kommt Father Mikle und wir quatschen uns fest. Dann steht ein Pick up vor der Tür, der weitere Hilfsgüter für ein Camp in zirka 200 km Entfernung lädt. Sie werden morgens um 4 Uhr starten. Ich helfe einladen. Bewundernswert, wie die Menschen sich hier untereinander helfen. Internationale Hilfe habe ich hier tatsächlich noch nicht gesehen. Als ich mit dem Blog loslegen will, ist es Zeit zum Essen. Das Abendessen ist unfassbar lecker und es ist wirklich familiär mit all den Menschen, die uns hier unterstützen, am Tisch zu sitzen. Aber der Tag war anstrengend und es ist dunkel mit wenig Strom. Also verabschieden wir drei Weißnasen uns.

Aber schlafen gehen ist doch noch nicht. Der Tag will noch gemeinsam aufgearbeitet werden. Wir schauen Bilder an und versuchen uns Dinge zu erklären und fragen uns, wie man effektiv kurz und langfristig hilft. Eines wird uns klar: Wir haben eine einmalige Gelegenheit, hier vor Ort effektiv helfen zu können. Wir haben hier Menschen kennengelernt, denen wir vertrauen können und die ebenfalls helfen wollen. Das habe ich im Jahr 2013 schon vermutet. Jetzt weiß ich es. Wir können hier mit tatsächlicher Arbeit vor Ort helfen (vom Steine schleppen über das Klohäuschen bauen bis zu Aufenthalten an der Schule (wie jetzt Milena) oder im Krankenhaus). Das ist faktische Hilfe und moralische Unterstützung für Menschen wie Ruth, Father Mikle und die Sisters. Doch eines brauchen wir in jedem Fall. Geld. Und auch wenn jeder weiß, dass es Dinge gibt, die ich nicht gerne tue und dieses eine Sache ist, die mir wirklich fern ist, werde ich die nächsten drei Monaten um Geld bitten.

Mit dieser Erkenntnis bin ich ins Bett gegangen. Den Blog schreibe ich deshalb erst heute. Am Tag der Abreise aus Tandi.

 

Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer