1 Tag bis Nepal 2017.

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Nepal - Ganz schön mutig

 Nepal ? – Ganz schön mutig !

Das war der Begrüßungssatz beim Einchecken Samstag in Düsseldorf. In dieser oder ähnlicher Form haben wir – das sind Simon und ich – seit unserem Entschluss, das Vorauskommando (wir sagen aber lieber unmilitärisch Vorgucker) für unser diesjähriges Nepalprojekt trotz der Umstände vor Ort durchzuführen.

Dabei soll ganz klar gesagt werden, dass wir hier nicht als Katastrophentouristen oder als Heldenteam angereist sind. Es geht uns darum, dass wir jetzt, noch mehr als vor den Beben, noch genauer hinschauen müssen, wo wir helfen und wie wir es gut organisiert bekommen, dass alle 30 Teilnehmer gut eingebunden sind und wir möglichst effizient arbeiten können. Noch viel wichtiger ist aber, dass wir das Vertrauen der Teilnehmer, deren Eltern und des Vereins haben, das Projekt durchzuführen und die Verantwortung, alle Teilnehmer wieder heile und gesund nach Deutschland zu bringen. Auch unsere Partner hier vor Ort möchten das.

Simon und ich haben uns dazu einige Fragen gestellt, die wir alle mit ja beantwortet haben wollten. Ein einziges Nein hätte diese Reise beendet. Die Fragen waren:

 

  1. Fliegt die Turkish Airline Kathmandu an ?– Ja, tut sie. Wir hätten aber stornieren dürfen.
  2. Ist der Flughafen offen und gibt es keine Warnung einer öffentlichen Stelle dort zu landen? – Ja.
  3. Ist der Transfer von Kathmandu in das Zielgebiet in Chitwan ohne langen Aufenthalt gewährleistet? – Ja.
  4. Wollen unsere Partner in Nepal, dass wir kommen – Ja, sie wollen. Und zwar dringlicher denn je.
  5. Haben wir den Rückhalt unserer Familien? – Ja, natürlich begleitet von Ängsten und Sorgen. Das geht mir (ich glaube auch Simon) nicht anders.

    

Wie Ihr seht, gab es fünfmal ein Ja und deshalb schreibe ich euch hier aus Nepal. Aber der Reihe nach.

Vor Abreise haben Simon und ich (zukünftig einfach wir…) in Nepal nachgefragt, was dort dringend benötigt wird. Von Ruth bekamen wir eine Liste mit Medikamenten, die uns Fred Prünte über seinen Apotheker (Namen habe ich leider nicht parat – trotzdem Danke!) kostenfrei besorgt hat. Uns erschien es darüber hinaus wichtig, so viel Wasserreinigungsmittel (Micropur) beizupacken, wie es das Gewicht zulässt. Auch hier ein Danke an die Jungs von Walkonthewildside, die uns das zum Einkaufspreis zur Verfügung gestellt haben. Aber auch dann ist das immer noch schw….teuer. Immerhin ist es aber so viel, dass wir damit zirka 100.000 Liter Wasser entkeimen könnten. Ja, die Zahl stimmt. Darüber hinaus sind wir noch mit reichlich Medikamenten für jeden erdenklichen Krankheitsfall ausgestattet worden. Danke, Frau Dr. Wigger. Daneben haben wir für den Eigenbedarf Wasserfilter / Lebensmittel / zwei Zelte / Reserve-Akkus für Kommunikationsmittel und und und mit. Auf gut deutsch: zwei so gut ausgerüstete Scouter sind noch nie in die Welt gezogen. Eher ungewöhnlich für unsern Schlag Mensch.

Simons Papa (Danke) hat uns nach Düsseldorf gebracht, die Turkish Airlines nach Istanbul, wo wir mit kurzem Weg und kurzem Stopp in eine nur zu einem Drittel belegte Maschine nach Kathmandu gestiegen sind. Fast ausschließlich Mitglieder von Hilfsorganisationen und freiwillige Helfer, die unser Projekt ebenfalls sehr gut finden. Gott sei Dank noch mehr Bekloppte außer uns. Die Belegung hatte auch zum Vorteil, dass wir uns, zumindest kurz, mal langlegen konnten. Und für den Herbst: die Route ist besser als die alte.

Gelandet in Kathmandu um 06:15 Uhr ging es flott durch den Zoll. Das Gepäck hat lang gedauert. Der Laderaum war Gott sei Dank voll. Mit Hilfsgütern. Diese stapeln sich in jeder freien Ecke des Flughafens. Drinnen wie draußen. Mit der Verteilung scheint es nicht so zu klappen. Vor dem Flughafen erwarteten uns Boby und der immer ruhige Fahrer Kishor. Die Wiedersehensfreude nach fast zwei Jahren war groß. Da uns aber noch eine lange Fahrt nach Tandi bevorstand, sind wir flugs aufgebrochen. Bevor wir uns auf die Reise machten, wollten wir noch die Don Bosco Schule besuchen.

Es galt dort zwei Dinge herauszufinden. Zum einen, ob die Schule ein sicherer Übernachtungsort für die Rückreise ist und zum anderen, ob die Schulleitung bereit und willens ist, uns auch mit 30 Mann zu beherbergen. Beides kann mit Ja beantwortet werden. Wenn wir in der Schule schlafen sollten, ist das so gut wie ein Hostel. Ansonsten ist der Schulhof so groß, dass wir dort alle zelten könnten. Daneben gab es ein wirklich opulentes Frühstück.

Kathmandu: Wir sind ja nun durchgefahren. Mit einem wirklich komischen Gefühl. Anfangs habe ich gedacht „is ja gar nich so viel kaputt – wozu die Aufregung?!“ Bei genauerem Hinsehen stellt man aber fest, dass jedes zweite Haus massive Risse aufweist und es doch viele unnatürliche Lücken gibt. Ich weiß nicht wie – aber die Nepali scheinen in Irsinnstempo wegzuräumen, was wegzuräumen geht. Das ist natürlich an den großen Straßen einfacher als in den Vierteln mit engen Gassen. Auf die haben wir dann auch einen Blick erhaschen müssen. Die Häuser sind fast alle abgestützt, wenn sie noch stehen, und die Menschen tun was sie können. Es riecht auch deutlich strenger, als ich das in Erinnerung habe. Und ja – jetzt fällt mir auch auf, dass auf jedem freien Fleck Zelte stehen. Na, Zelte eher nicht. Eher Planen. Außen blau und innen orange. Gewebeplanen, wie wir sie aus dem Baumarkt kennen oder unter unsere Zelte legen. Und unter jeder steht mindestens ein Bett. Die Leute haben Angst. Das Leben läuft aber nach außen ruhig und gefasst weiter. Und noch etwas fällt auf – viele Läden sind geschlossen und es ist so ruhig, weil wenige Menschen unterwegs sind. Na dann ist das ja kein Wunder. Boby sagt, alle Inder sind nach Indien verschwunden. Die meisten haben Läden. Die Zahl der Inder kennt man nicht. Aber 200.000 sollen es sein. Und alle Nepali, die Verwandtschaft in nicht betroffenen Regionen haben, sind dorthin verschwunden. Die Schulen sind zu. Sonderurlaub….

Während wir in die Außenbezirke fahren (hier wird’s schlimmer, wird doch viel mehr wild gebaut) und schließlich ganz aus der Stadt rauskommen, löst die Farbe Braun die der Planen ab. Erdrutsche. Und immer wieder taucht in meinem Kopf das Wort Monsun auf. Kann ich leider nicht mit den Plastikplanen in Deckung bringen. Aber ich staune, es wird an einigen Ecken schon wieder aufgebaut. Hut ab vor diesen Menschen.

Je weiter wir uns von Kathmandu entfernen, umso „normaler“ wird die Lage. Im Süden, nahe der Grenze zu Indien, erkenne ich „mein“ Nepal wieder. Wir nähern uns Bharatpur und somit der Little Flower School. Legendärer Austragungsort des ersten internationalen Freundschaftsspieles der Scouter im Jahr 2013. Bobby und ich überschütten Simon mit Geschichten, um dann auf dem Hof der Little Flower School zu stehen. Hallo sagen halt. Natürlich gibt es wieder was zu Essen. Leider keine Momos. Hier hatten wir die besten. Simon schaut mich fragend an – ist das nicht das Land, wo es nur Reis und Bohnen gibt? Heute nicht. Nach kurzem Plausch geht es weiter Richtung Tandi zur Navodaya School. Es ist ein bisschen, als wär man grad erst gefahren.

Als wir auf dem Schulhof stehen, stelle ich fest, dass sich doch was verändert hat. Es gibt ein neues Gebäude. Genauso wie „unser“ altes, nur ein bisschen größer. Melanie begrüßt uns. Es muss Melanie sein, sie ist die einzige Weißnase außer uns. Ich bestelle schöne Grüße von Nico und gestehe ihr, dass ich ihr kein (wie von Nico gefordert) Flens mitgebracht habe. Ich entschied mich für Schwarzbrot. Melanies Reaktion sagt mir – bessere Wahl.

Ich lasse meinen Blick schweifen. Auf dem Schulgelände stehen auch diese „Zelte“. Das Beben hat mich wieder. Melanie beruhigt uns. Ja, es hat gewackelt, hier und da auch dolle. Es ist aber in der ganzen Stadt und der näheren Umgebung kein nennenswerter materieller Schaden entstanden.

Die Kinder hatten Angst. Jetzt ist´s aber mehr so ein Spiel und ein „ich mach was, was ich sonst nicht darf…“ -  kenn ich. Hab auch Kinder. Die hier schwirren um uns herum und machen einen glücklichen Eindruck. Gott sei Dank, auch alle auf der ganzen Welt gleich bekloppt.

Father Michael begrüßt uns. Auch nach anderthalb Jahren ist sofort wieder dieses „guter Typ,der“-Gefühl da. Nicht ohne Stolz zeigt er uns den Neubau und führt uns in „unser“ Zimmer. Alles neu. Eigenes Klo. Zwei Betten und…… eine Klimaanlage…..die geht aber noch nicht. Wohl erst später. Wir werden zum Essen eingeladen. Das dritte Mal warm an einem Tag – in Nepal? Ich lass mir doch nicht meine Weltanschauung kaputtmachen. Wir lehnen dankend ab, beziehen das Zimmer und schlafen nicht draußen. Alle Erwachsenen hier tun das die ganze Zeit. Also warum den Erstbezug einem anderen überlassen. Wir duschen uns (es sind hier übrigens mindestens 40 Grad, also deutlich wärmer als im Herbst) und beschließen, nochmal nach Tandi zu laufen und mich mit ortsüblichen Schlappen zu versorgen. Unterwegs werden wir ständig freundlich begrüßt. Mehr als beim letzten Mal. Es begegnet uns aber sonst auch kein Weißer.

Zurück im Schulgelände gibt es rechts und links einen Plausch mit den Kindern. Sie kennen schon alle unsere Namen. Ich konnte mir keinen merken. Zu viele. Dann winkt uns Father Michael heran und nötigt uns dann doch die dritte warme Mahlzeit mit den Schwestern auf. Mist verloren. Jetzt aber schnell ins Bett. Vorher noch ein paar Meldungen absezten und kurz den Blog schreiben. Pustekuchen. Milena kommt, fragt, ob wir Abendessen wollen – wollen wir nicht – aber zum Geburtstagsständchen eines Lehrers kommen wir schon. Na klar. Wir beschließen, morgen mit Ruth und Melanie in eines der Dörfer zu fahren. Hilfsgüter verteilen. Es gibt zum Geburtstag noch ein Eis. Jetzt aber nur noch ab ins Bett. Simon liegt schon - ich finde kein Ende.

Will ich aber. Mein Tag soll jetzt auch zu Ende gehen. Er hat Donnerstagmorgen um acht Uhr begonnen. Jetzt ist es zuhause fast sechs (hier halb zehn). Laut meinen Berechnungen 34 Stunden. Nicht nur einer der längsten Tage in meinem Leben – mit Sicherheit auch einer der intensivsten. Und er ist nicht wirklich vorbei. Wahrscheinlich erst, wenn ich wieder in Bonn bin. Da, wo es angefangen hat. Bei meiner Familie. Und es wird viel zu erzählen und  verarbeiten geben. Bestimmt auch Gutes.

Zeit für das letzte Fazit für heute: Die Entscheidung zu kommen war richtig. Bisher spricht nichts gegen das Herbstprojekt. Im Gegenteil. Egal, was wir bauen, reparieren oder aufräumen. Wir kommen zu Freunden und denen ist gerade jede Hilfe Recht - und unsere besonders. Diese gebeutelten Menschen haben jede Hilfe verdient. Und ein Recht auf Normalität. Auch das können wir ihnen geben. Also los.

Ach ja – Morgen mach ich kürzer - Die Klimaanlage läuft – und gut, dass wir zu zweit hier sind – Fire Fighter

 

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