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Namaste! Viel Spaß mit unserem Nepal 2015 Blog

22.09.2015

Anlässlich unseres letzten Treffens vor der Abreise nach Nepal am Samstag haben uns Herr Herbert Spoelgen und Herr Michael Fuchs von der Liselotte-Peipers-Stiftung besucht um uns einen Scheck über 2.000,00 € für unser Nepal Projekt zu überreichen.

Der Vorstand und alle Teilnehmer möchten hierfür auch an dieser Stelle noch einmal herzlich danken.

17.09.2015

 

Liebe Freunde, Bekannte, Unterstützer und Spender

 

Jetzt ist es bald soweit. Die Aufregung und die Anspannung steigen. Die Zeit bis zur Abreise rinnt uns durch die Finger. Es gibt viele Kleinigkeiten die noch erledigt werden können oder müssen. Gepäck und Ausrüstung wird zusammengestellt und es wird gepackt, gewogen, umgepackt aussortiert und wieder einsortiert. Aber klar ist:

 

Wir haben, seit unserem Entschluss im Dezember 2014 wieder nach Nepal zu fahren um unser seit 2013 bestehendes Engagement weiter zu treiben, tatsächlich schon jetzt unglaubliches geleistet.

 

Wir haben auf das Projekt und uns Scouter aufmerksam gemacht. Den General Anzeiger als Partner gewinnen können. Es wird nicht nur dort sondern auch anderswo berichtet. In Radio Bonn FM; im Radio Bonn Rhein Sieg (sogar in den Tagesnachrichten) ebenso im WDR und nächste Woche auch in 1live – mein Tag. Nach unserer Rückkehr ist ein Interview mit ZDF Logo geplant.

 

Wer hätte das gedacht als wir uns vor fünf Jahren entschlossen Scouter sein zu wollen und den Scouting Bonn e.V. gegründet haben. Wahnsinn.

 

Durch das Engagement der Mitfahrer und der übrigen Scouter als Reifenengel, die Teilnahme am Postmarathon, Hilfe auf vielen Veranstaltungen, Infoveranstaltungen, Schulfesten, Teilnahme an Stadtfesten, zwei riesen Flohmarktständen und und und und haben wir bewiesen das wir für dieses Projekt brennen und es mit unserer Hilfszusage für die Chepang und unseren Freunden in Nepal mehr als ernst nehmen.

 

Wir haben es geschafft so viele Menschen zu überzeugen, das uns etwas gelungen ist an das wir vor einem halben Jahr noch nicht geglaubt haben. Wir haben schon jetzt so viele Spenden erhalten das wir es aus eigenen Kräften schaffen die Schule in Kalikhola wieder aufzubauen. Mehr noch. Es ist so viel Geld da das wir noch Lebensmittel an Bedürftige verteilen werden und den Schülern der Novodaya School und der Little Flower School nicht nur heißumkämpfte Fußballspiele bieten werden, sondern ihnen dazu noch Trikots und Fußbälle bringen können.

 

Dafür möchten wir uns bei allen die uns unterstützt haben bedanken.

 

Egal ob die Unterstützung finanzieller Natur war, ist, sein wird oder Unterstützung in anderer Form gegeben worden ist. Von Sachspenden für den Flohmarktstand, Unterstützung bei Flugbuchungen, Hilfe beim Bedrucken von Textilien, 1.400 m² Krankenhauskautschukboden - es war alles dabei. Von Bonnern und  Unternehmen aus ganz Deutschland.

 

Es hat sogar viele Menschen gegeben die Ihre Geburtstags- oder Partygäste aufgefordert haben zu Spenden statt beschenkt zu werden. Von Berlin bis Kärnten. Von 18 bis 90.

 

Viele haben vieles getan um dieses Projekt zu ermöglichen. Wir haben versprochen über das was wir tun zu berichten und Rechenschaft abzulegen. Zu diesem Versprechen stehen wir. Es gibt zwei Blogs die berichten. Unseren eigenen www.scouting-bonn.de/website/nepal-2015/blog  und den des General Anzeigers Bonn http://www.nepal15.ga-bonn.de/   Der General Anzeiger wird am Tag unserer Abreise (Sa. 26.09.) und wöchentlich darüber hinaus noch in der Printausgabe berichten. 

 

Nach unserer Rückkehr (am So.18.10.) berichten wir gerne über das Erlebte und es wird bestimmt viele Bilder und Geschichten geben. Hoffentlich mehr gute, erfolgreiche und lustige als traurige.

 

Auf jeden Fall werden wir versuchen möglichst viel zu bewegen um den Chepang zu helfen Ihre Lebenssituation und Ihre Perspektiven zu verbessern.

 

Auf Bald, viel Spaß bei unserem Blog und ein herzliches Dankeschön vom Scouting Bonn e.V. und den Nepalfahrern 2015

 

Jan Olbrich

 

16.09.2015

22.05.2015

Rückreise

Wir sitzen im Flieger nach Istanbul. Um mich herum schläft alles ein. Wir haben gefrühstückt und nähern uns wieder unserem normalen Leben. Eine wirklich ereignisreiche Zeit ist vorbei. Doch zuerst der gestrige Tag:

Schon aus purer Gewohnheit sind wir früh aufgestanden und haben um 7 gemeinsam mit Father Michel und den Sisters gefrühstückt. Ein bisschen komisch war die Stimmung schon. Milena ist vom Father verabschiedet worden und auch wir haben uns für die wirklich fürsorgliche und herzliche Unterbringung und Verpflegung bedankt. Es ist ja für uns nur ein kurzer Abschied. Danach haben wir gepackt, geputzt, den Blog des letzten Tages geschrieben und um 11 ging es los nach Kathmandu. Zwischenstopp an der Little Flower School mit – natürlich – Mittagessen. Verabschiedung von Boby und den anderen. Leider hat uns Kishor nicht nach Kathmandu gebracht. Wir haben ihn und seine ruhige, freundliche Art sehr gemocht. Auch wenn es mit der Verständigung nicht immer so gut geklappt hat – am Ende war alles immer richtig. Wir haben uns bei ihm im Fahrzeug im leicht chaotischen nepalesischen Verkehr immer gut aufgehoben gefühlt. Von da her war nun die Fahrt mit einem anderen Fahrzeug und einem neuen Fahrer (ein Father der Little Flower School) nach Kathmandu schon anders. Große Verblüffung hat Simon hervorgerufen, als er auf dem Tablet den Weg zum angestrebten Hotel leiten konnte. Der modernen Technik sei Dank. Aber beide Fathers konnten mit dem Ding nichts anfangen. So mussten wir leiten.

Die Fahrt durch Kathmandu war allerdings mehr als ernüchternd. Meine Aussagen vom ersten Tag muss ich zum Teil revidieren. Es ist wieder mehr los in der Stadt. Der Verkehr ist zwar noch nicht so extrem wie 2013, aber schon deutlich gestiegen innerhalb einer Woche. Die Menschen scheinen wieder in die Stadt zurückzukehren. Allerdings fallen unseren mittlerweile geschulteren Augen doch deutlich mehr zerstörte oder von der Zerstörung bedrohte Häuser auf. Wir beschließen auf jeden Fall noch einen Gang durch die Stadt. Aber erst Mal ein Hotel suchen. Die geplante Übernachtung in der Don Bosco Schule haben wir abgesagt, da dort mehrere Delegationen einquartiert sind und wir den letzten Abend so gestalten wollten, wie wir es mögen und nicht wieder einen „offiziellen“ Termin wahrnehmen. Davon gab es in den 7 Tagen genug.

Also lassen wir uns im Touristenstadteil Thamel absezten. Dort waren wir bei unserem ersten Besuch und so kenne ich mich etwas aus. Der Abschied von Father Michael ist sehr herzlich, und ich glaube, er freut sich, sehr bald wieder eine Menge Scouter um sich zu haben. Zu meinem Bedauern ist das Hotel Buddha derzeit geschlossen (zu wenig Touristen) und das Kathmandu Guest House, in dem wir auch untergebracht waren, ist „under construction“, aber offen. Nicht wegen des Erdbebens, wie man mir versichert, aber ich lehne dankend ab. Schnell ist aber ein Ersatz gefunden. Der Stadtteil ist voll mit Hotels. Wir bekommen zwei Zimmer mit Transfer zum Flughafen für vernünftiges Geld. Um zirka 16:30 Uhr stehen wir wieder auf der Straße und wollen die letzten Stunden Tageslicht nutzen, um abseits der Hauptstraßen die Folgen der Beben zu erkunden.

2 Stunden, die ich in meinem Leben nicht mehr vergessen werde.

Der Stadtteil Thamel scheint größtenteils verschont geblieben. Wir sehen lediglich ein Haus, das vollständig eingestürzt ist, und die drei daneben liegenden sind mit Balken provisorisch abgestützt. Aber nicht mehr bewohnbar. Sie müssen bestimmt abgerissen werden. An der Hauptstraße ist das Bild noch normal. Wir biegen in eine Seitenstraße ein und stehen in einer menschenleeren Straße. Alle Häuer sind geräumt. Einsturzgefahr. An der nächsten Ecke ein Schuttberg. Groß wie ein halber Fußballplatz. Das war ein ganzer Block. Die Straße hier ist erstaunlicherweise wieder bewohnbar und die Menschen gehen scheinbar ihren normalen Tätigkeiten nach. Sie grüßen uns freundlich. Ich komme mir tatsächlich vor wie im Film. Wir biegen um die nächste Ecke und stehen fast an einem Fluss. Zwischen uns und dem Wasser liegt nur ein weiterer Schuttberg, auf den wir steigen. Liegen hier womöglich noch Tote unter meinen Füßen? Es riecht fürchterlich. Das kommt vom Fluss. Die Ufer sind voll mit Müll und Fäkalien. Und zwischen Schutt und Fluss ein alter Bekannter – die blauorange Plane. Hier leben Menschen. Spielen Kinder, bellen Hunde, es wird gekocht, gegessen und auch gelacht. In den Trümmern eines Hauses steht ein junges Mädchen mit geschminktem Gesicht und flirtet mit einem jungen Mann, der auf der Brücke steht. Mein Blick wandert über den Fluss. Die Umrisse eines Tempels. Man kann ihn noch erkennen. Aber der oberste Teil ist halb herabgefallen. Sieht nicht gut aus. Wir gehen über die Brücke zum Tempel. Der Gestank auf der Brücke ist unfassbar. Selbst Simon muss würgen und der bekommt ja von Berufs wegen so einiges mit. Ich bin eigentlich auch nicht zimperlich – dachte ich immer. Da hilft nur durch den Mund atmen. Aber es staubt. Da wünsche ich mir, auch eine Maske wie viele sie tragen. Auf der anderen Seite ist die komplette Außenwand eines Gebäudes nicht mehr da. Die Wohnung dahinter ist noch ganz eingerichtet. Wie ein Puppenhaus, denke ich. Makaber. Am Tempel angekommen sieht man, dass vieles zerstört ist. Aber die Leute versammeln sich, um zu beten und miteinander zu sprechen. Es scheint, als haben sie sich an das Chaos, den Dreck, die Zerstörung und den Staub gewöhnt oder es verdrängt.

Die Bilder und Eindrücke dieses Rundganges könnte ich seitenlang fortführen. Aber nach zirka 2 Stunden ist es uns genug. Unser Speicher ist voll. Wir wissen nicht, ob wir Katastrophentourismus betreiben, die Leute nerven und schon gar nicht, was wir tun sollen. Zurück zum Hotel. Hinsetzen und Reden. Das Gesehene verarbeiten. Wir setzten uns in den Innenhof eines Restaurants. Es ist wie auf einem anderen Planeten. Wir stellen alle drei erstaunt fest, dass wir Hunger haben und bestellen Essen. Versuchen uns in Normalität. Nach dem Essen nochmal durch Thamel schlendern. So als wäre nichts gewesen. Milena kauft noch ein paar Freundschaftsbändchen. Ich lehne dankend ab. Ein Freund ist sie geworden, durchaus. Schnell durch das viele, was wir in kurzer Zeit erlebt haben. Das ist dicker als so ein Bändchen. Um halb neun stehen wir vor unserem Hotel. Vernünftig jetzt schlafen zu gehen. Schließlich war der Tag anstrengend und der Wecker klingelt um halb fünf. Aber keiner macht den Anfang. Es ist nicht die Angst vor dem Schlafen in Kathmandu und der Gefahr eines Erdbebens. Das ist irgendwie ganz weit weg. Ich glaube es ist die Angst vor den Bildern. Also gebe ich ein Stichwort: Bierchen?

Ja, das ist gut. Einige Häuser neben dem Hotel ist eine Kneipe. Es laufen die Drop Kick Murphys. Simon und ich schaun uns an. Gut rein. Wir bestellen uns Bier und sprechen wieder. Über heute und wie schlimm das auch hier für die Menschen sein muss und fragen uns, warum wir keine Helfer gesehen haben. Sind die alle weg? Jetzt fängt die Arbeit doch erst richtig an und „der Regen naht“ (nicht wie in Game oft Thrones der Winter…..). Helfen wir an der richtigen Stelle? Ist es richtig, mit den Scoutern zu kommen? Begeben wir uns womöglich doch in Gefahr?

Nein, tuen wir nicht. Und es ist richtig, was wir machen und machen wollen. Auch in diesem Land und auch dort für die Chepang. Unsere Reise war ja genau dazu da, um uns ständig diese Fragen zu stellen und zu prüfen, ob wir alles verantworten können.

Und so ist das Fazit dieser Reise (wenn man das so nennen kann) ganz klar. Simon und ich sind fester entschlossen denn je, das Projekt im Herbst zu starten. Für die Menschen in Chitwan, die auf uns und unsere Hilfe (und ja auch auf unser Geld) warten. Wir bedeuten dort viel. Aber auch für uns und unsere Jugendlichen ist es wichtig. Als Gruppe und als Einzelner. Wenn ich höre, wie Milena über ihre Zeit hier spricht, kann es für junge Europäer nur gut sein, auch mal die andere Seite der Medaille kennenzulernen. Im Übrigen auch für Alte wie mich.

Ich hoffe, dass meine Texte und Simons Bilder gefallen haben. Es gibt gerne mehr Geschichten und Bilder. In der Hütte an Pfingsten, in der Sibylle oder wo immer ihr wollt. Und, liebe Mitfahrer, es gibt viel zu tun. Wir müssen uns auf anstrengende Arbeitstage, zwei Fußballspiele, jede Menge Eindrücke und bestimmt auch sehr viel Spaß gefasst machen. Ich freue mich sehr darauf und bin dankbar für alles, was ich in der letzten Woche erleben durfte und manchmal auch musste. Und das Ganze noch mit zwei tollen Menschen, Milena und Simon. Und jetzt freue ich mich auf Daheim und dass ich eins habe. Mit meinem ganzen Rudel drin und aus Stein und heile.

Jan

PS: THE BOYS ARE BACK IN TOWN. Wir sind wolbehalten wieder in Bonn/Köln angekommen

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21.05.2015

Lebensmittelverteilung

Unser letzter Tag in Tandi. Es sollte in den Südwesten gehen. Zu den Bankeria. Ein Volk, das den Chepang nahe ist, sich aber laut eigener Aussage nicht dazugehörig fühlt. Es gibt noch 25 Familien und diese leben alle im gleichnamigen Ort.

Die Anfahrt alleine ist schon ein Abenteuer. Wir sind mit drei Fahrzeugen unterwegs. Kishor fährt, wie immer ruhig und besonnen, mit „unserem“ Mahindra. Dazu noch ein weiterer Geländewagen, in dem einige Sisters, die für die medizinische Versorgung zuständig sein werden, und einige Helfer sitzen. Der dritte Wagen, ein ortsüblicher Pick up Truck, ist vollgestopft mit Lebensmittel.

Die erste Stunde geht es über normale Straßen. Dann biegen wir ab Richtung Fluss und müssen eine Behelfsbrücke überqueren. Da die Brücke in einem abenteuerlichen Zustand ist und der Pick up zu schwer, beschließen wir, die Last auf die drei Wagen zu verteilen. Umladen. Kein Spaß bei heute selbst für Nepali warmem Wetter. Die Brücke hat zwei Stellen, die nicht leicht zu meistern sind. Kishor fährt zuerst. Kein Problem für ihn. Der zweite Geländewagen tut sich etwas schwerer. Den Fahrer verlässt an entscheidender Stelle fast der Mut. Er schafft es aber noch. Als letztes fährt der Pick up und bleibt an besagter Stelle stehen. Wir haben wirklich Sorge, dass er kippt. Ab auf die Brücke und mit sechs Mann geschoben. Gott sei Dank geht es gut. Eine weitere ¾ Stunde fahren wir durch ein fast ausgetrocknetes Flussbett und erreichen dann das Dorf  der Bankeria. Wir werden schon erwartet. Eine der Sisters hat diese Tour schon einige Tage zuvor gemacht und ermittelt, welcher Bedarf an Medikamenten und Lebensmitteln besteht. Wir wissen also genau, was wir weggeben dürfen.

Das Dorf wirkt auf uns im ersten Augenblick wie ein lebendiges Museum. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Bewohner abends nicht in ihr Reihenhäuschen gehen und sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. Dazu sind tatsächlich auch einige Häuser durch die Beben zerstört. Da die Menschen hier aber kaum Informationen haben und nicht wissen, was noch passiert, finde ich hinter dem Dorf auf einer kleinen Lichtung das mittlerweile schon altgewohnte Bild. Zelte aus blauorangen Planen. Die Bankeria trauen sich ebenfalls nicht mehr, in ihren Häusern zu schlafen. Wie wichtig die Lebensmittel hier für die Menschen sind, wird mir hier noch einmal deutlicher. In der Regenzeit (also für 2-3 Monate) wird der Fluss so stark anschwellen, dass die Menschen abgeschnitten sind. Im Normallfall schon schwer, aber durch das Erdbeben und die daraus resultierenden Erdrutsche sowie der Angst und Unsicherheit sind Teile der Anbauflächen für das Grundnahrungsmittel Mais zerstört oder nicht bearbeitet worden. Dazu kommt, dass einige Lagerhäuschen zerstört sind.

Diese zwei Säcke Reis, der Sack Bohnen, das Salz und ein paar Beutel Öl für eine Familie (ca. 8 Personen) müssen also helfen, diese schwere Zeit zu überstehen. Obwohl den Menschen das klar ist, sind sie alle sehr freundlich und dankbar. Die Verteilung geht sehr ruhig von Statten. Nach einer anfänglichen Scheu der Kinder werden sie neugierig und lassen nach unseren Namen fragen. Simon darf alles fotografieren. Das Dorf und auch die wenigen Tiere sehen den Umständen entsprechend gepflegt und ordentlich aus. Es ist nahezu ein idyllisches Szenario. Aber immer wieder schießt es mir durch den Kopf: „Die Regenzeit naht…“, was wird dann hier sein? Die Fahrer wollen weiter. Wir haben erst den kleinsten Teil verteilt. Das reißt mich aus meinen Gedanken.

Weiter geht es über Stock und Stein, durch kleine Flüsschen und Richtung Urwald. Wie lange, weiß ich nicht. Mein Rücken und meine Bandscheiben sagen, dass es lange war. Wir halten am Rand des Urwaldes. Es sind schon einige Menschen hier. In kurzer Zeit ist die Menge auf zirka 150 Personen angewachsen. Es sind die Chepang aus den Wäldern, die herunterkommen, um sich die Unterstützung zu holen. Sie zu besuchen, wäre nicht möglich. Zumindest nicht für uns mit einem Sack Reis auf dem Rücken. Die Stimmung ist trotz der Lage recht gut. Unter den ausladenden Blättern eines Bananenbaumes wird die „Apotheke“ eingerichtet und die Medikamente vergeben. Diagnosen hat die Schwester beim ersten Besuch gestellt. So geht das auch relativ zügig. Schlaues System. Milena kennt einige der Kinder, die auf der Navodaya School unterrichtet werden, und wird freudig begrüßt. Zumal die von ihr gesammelten Spenden Teile der Lebensmittel finanzieren. Der größte Teil der insgesamt 25 dieser bisher durchgeführten Camps hat Ruth durch Shanti med Nepal finanziert. In Summe 25.000,00 €.

Bei der Verteilung der Lebensmittel geht es, trotz der Menge an Menschen, auch sehr gesittet zu. Die Chepang sind gewohnt zu teilen. Und noch etwas fällt mir auf – die Kinder und Jugendlichen sind es eigentlich, die das hier organisieren – die Erwachsenen tun das vor der Hand, aber die Zettel, wer was und wieviel bekommen soll, haben die Jugendlichen und steuern das diskret. Das überzeugt mich noch mehr, als ich es schon war. Der Aufbau der Schule im Herbst ist eine richtige Entscheidung.

Nach zwei Stunden ist alles erledigt. Die Chepang ziehen schwer beladen mit ihren Säcken und einem Lächeln im Gesicht in die Berge. Nach wenigen Minuten herrscht Stille und um uns herum ist nur Natur. Wir werden von einer Familie, die in der Nähe wohnt, zum Essen eingeladen. Es gibt, wen wundert`s, Reis mit Bohnen. Dazu wurde ein Huhn geschlachtet. Eine große Geste. Nach dem Essen machen wir uns auf den Rückweg. Er ist genauso beschwerlich wie der Hinweg. Nur die Brücke schreckt uns nicht mehr. Die Wagen sind ja leer. Milena, Simon und ich stellen noch einige Fragen. Als wir auf der Hauptstraße sind, wird es langsam still im Wagen. Wir sind erschöpft und nachdenklich und jeder verarbeitet das Erlebte.

Zurück zu Hause (ja das ist die Schule hier für uns) gibt es Wassermelone und Kuchen. Verrückte Welt. Aber wir sind dankbar. Es wird auch wieder gelacht und gescherzt. Wir ruhen uns etwas aus, pflegen unseren Sonnenbrand (besonders ich) und machen uns dann auf den Weg zu Ruth, um unser Werkzeug nun final zu sichten. Bei Ruth angekommen erzählen wir ihr von unseren Eindrücken und sie gibt uns noch viele weitere Informationen zu Land, Leuten und den Umständen. Dann wird das Werkzeug gezählt, sich verabschiedet (für Simon und mich ist es ja nicht lange – nur 135 Tage) und zurück geht’s zum Abschiedsessen für Milena an die Schule. Waren wir zwei Jungs mit Rädern schon eine Attraktion – mit einer hellhäutigen Frau sind wir eine Sensation. Zurück an der Schule versuche ich den Blog zu schreiben. Stelle aber fest, dass es eine E-mail mit Fragen aus Deutschland zu unserem Aufenthalt gibt. Erst das. Dann kommt Father Mikle und wir quatschen uns fest. Dann steht ein Pick up vor der Tür, der weitere Hilfsgüter für ein Camp in zirka 200 km Entfernung lädt. Sie werden morgens um 4 Uhr starten. Ich helfe einladen. Bewundernswert, wie die Menschen sich hier untereinander helfen. Internationale Hilfe habe ich hier tatsächlich noch nicht gesehen. Als ich mit dem Blog loslegen will, ist es Zeit zum Essen. Das Abendessen ist unfassbar lecker und es ist wirklich familiär mit all den Menschen, die uns hier unterstützen, am Tisch zu sitzen. Aber der Tag war anstrengend und es ist dunkel mit wenig Strom. Also verabschieden wir drei Weißnasen uns.

Aber schlafen gehen ist doch noch nicht. Der Tag will noch gemeinsam aufgearbeitet werden. Wir schauen Bilder an und versuchen uns Dinge zu erklären und fragen uns, wie man effektiv kurz und langfristig hilft. Eines wird uns klar: Wir haben eine einmalige Gelegenheit, hier vor Ort effektiv helfen zu können. Wir haben hier Menschen kennengelernt, denen wir vertrauen können und die ebenfalls helfen wollen. Das habe ich im Jahr 2013 schon vermutet. Jetzt weiß ich es. Wir können hier mit tatsächlicher Arbeit vor Ort helfen (vom Steine schleppen über das Klohäuschen bauen bis zu Aufenthalten an der Schule (wie jetzt Milena) oder im Krankenhaus). Das ist faktische Hilfe und moralische Unterstützung für Menschen wie Ruth, Father Mikle und die Sisters. Doch eines brauchen wir in jedem Fall. Geld. Und auch wenn jeder weiß, dass es Dinge gibt, die ich nicht gerne tue und dieses eine Sache ist, die mir wirklich fern ist, werde ich die nächsten drei Monaten um Geld bitten.

Mit dieser Erkenntnis bin ich ins Bett gegangen. Den Blog schreibe ich deshalb erst heute. Am Tag der Abreise aus Tandi.

 

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20.05.2015

Besuch der Grundschule

Irgendwie müssen wir jeden Tag früher aufstehen: 6:30 Uhr. Komische Ferien, meint Simon. Stimme ihm zu. Aber das frühe Aufstehen hat seinen Grund. Wir haben ein strammes Programm vor uns. Wir wollen uns die zu reparierende oder neu zu bauende Grundschule anschauen und dann wurde uns noch angeraten, bei der Gelegenheit und wenn wir eh schon unterwegs seien, Pokhara anzuschauen. Wohl auch weil Milena, Rukku und Reenu ihre letzten Tage hier haben und noch etwas sehen sollten. Wir haben ja auch gelernt, dass man Father Michael und den Sisters nicht widersprechen sollte, wenn es um Freizeitgestaltung oder Essen geht. Spaß beiseite.

Das Angebot, den Wagen und Kishor einen weiteren ganzen Tag für uns in Beschlag zu haben, ist neben der freien Unterkunft und der Verpflegung wirklich so nett und generös, das mir tatsächlich die Worte fehlen (wer mich kennt, weiß, dass das selten vorkommt). Ganz ehrlich – ich komme mir vor wie ein Teil ihrer Familie. Wirklich gut. Musste jetzt auch mal gesagt werden. Zurück zu unserem Tagesprogramm.

Unsere aus sechs Personen bestehende Gruppe (keine Überbelegung des Fahrzeugs) fuhr nach kurzem Frühstück um 7:30 Uhr zur Schule nach Khalikola. Der Weg, den wir im Herbst vermutlich jeden Tag nehmen werden. Zirka eine Stunde Fahrt mit dem Bus und dann geht’s in die Berge. Nicht lange, aber steil… Oben angekommen sind wir ganz schön aus der Puste. Hat sich aber nach fünf Minuten wieder gelegt. Ein erster Blick auf die Gebäude mit dem mittlerweile geschärften Erdbebenblick sagt uns: sieht auf den ersten Blick nicht schlimm aus, aber der zweite Blick kann alles ändern. Und richtig. Die Innenwände sind völlig zerstört und die Außenwände haben auch in den tragenden Teilen Risse. Beim kleineren, hinteren Gebäude sind sogar die Außenwände eingestürzt. Immerhin das kleinste der drei Gebäude schein verschont geblieben zu sein. Dies wird eine wirklich sportliche, aber machbare Herausforderung. Dass wir hier mit wenig Materialeinsatz – die Wände sind aus Naturstein und Lehm gebaut – viel erreichen können, ist eine weitere Erkenntnis, die wir bergab tragen. Es ist 11:30 Uhr und das touristische Programm beginnt.

Auch wenn Ruth uns gewarnt hatte – wir fahren noch nach Pokhara. Noch mal zirka zwei Stunden Fahrt. Kishor hält das erste Mal an den Devil Falls. Ein Wasserfall, der in einem hundert Yards tiefen Loch verschwindet. Hübsch, aber nicht übermäßig spannend. Wir essen Mittag in einem Restaurant und stellen fest, dass tatsächlich kaum Touristen da sind. Dann haben wir wenigsten den See für uns alleine. Dem ist auch so. Der See ist imposant, aber leider ist es so diesig, dass man den Anapurna und den Himalaya nicht sehen kann. Das Spannendste waren wirklich die badenden Wasserbüffel. Schade. Aber immerhin verpasst uns Kishor noch einen ordentlichen Kulturschock. Rukku und Reenu möchten noch Abschiedsgeschenke kaufen und so landen wir in einer Shoppingmall. Kein Spaß. 100 Meter daneben sitzen die Menschen in Holzhütten. Kein Kommentar….. Diesen Nachmittag hätten wir womöglich auch produktiver gestalten können. Egal. Wir haben trotzdem viel vom Land gesehen.

Um zirka 18:00 Uhr sind wir wieder in Tandi. Die drei Mädels müssen noch Besorgungen erledigen und so helfen Simon und ich Kishor dabei, die Lebensmittel für eine Verteilungsaktion in einem der Dörfer in den Bergen zu besorgen. Endlich was Sinnvolles. Bei der ersten Tour laden wir 20 Sack Bohnen und 27 Kartons Öl ein. Nach dem Abladen in der Schule bieten wir Kishor an, auch bei der zweiten Tour zu helfen und er freut sich sehr darüber. Hat er, nachdem er uns den ganzen Tag chauffiert hat, wenigstens etwas früher Feierabend.

Wir gehen duschen und zum Abendessen. Es wird noch ein bisschen Abschied gefeiert und Geschenke verteilt. Etwas seltsame Stimmung, aber das haben Abschiede ja so an sich.

Apropos Abschied – heute kommt Ihr mit einem kurzen Bericht davon. Wir haben aber tatsächlich fast nur im Auto gesessen. In unseren Köpfen arbeitet es aber. Der Herbst rückt näher. Es wird bestimmt schön. Aber auch schön anstrengend. Morgen gehen wir noch einmal Lebensmittel verteilen und unser Werkzeug durchsehen. Abschließende Gespräche mit dem Father und Ruth führen.

Gute Nacht.

 

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18.05.2015

Werkzeugkontrolle

Thema des heutigen Tages – Kontrolle des Werkzeuges. Eine einfache Sache – mag man meinen.

Vorgeschichte: Bei unserem letzten Besuch haben wir unser gesamtes aus Deutschland mitgeführtes Werkzeug in Nepal gelassen. Die Einfuhr ist so kompliziert, dass uns dies als sinnvoll erschien. Es handelt sich um Maschinen und Verbrauchsmaterial im Werte von zirka 3.000,- €. Zwiebel hat es bei unserem letzten Besuch ordentlich eingeölt und in zwei Metallkisten verpackt. Dazu noch unser ganzes in Nepal erworbenes Werkzeug wie Schaufeln und Schubkarren. Auch nochmal ein ordentlicher Haufen Geld. Das ganze haben wir Ruth zu treuen Händen übergeben. Leider konnte sie es bei ihrem Umzug von der alten Wohnung in die neue nicht mitnehmen. Also hat sie es, mit unserem Einverständnis, an Boby weitergegeben. Der teilte uns gestern mit, dass es bei einem neuen Projekt gelandet sei. So weit so gut. Nur leider zirka zwei Fahrstunden entfernt….

Also hieß das veränderte Programm: Ab nach Chormora (oder so ähnlich) und das Werkzeug checken. Da steht schon ein Bambushaus, das wir uns bei Gelegenheit sowieso anschauen wollten. Man wäre dann ja am frühen Nachmittag wieder zurück. Dann hätten wir noch Zeit, unseren Kopf mal in Pläne und Papier zu stecken.

Jetzt wird es aber nepalisch. Wenn wir doch eh in die Richtung führen, könnte man das doch mit einem Besuch in Devgath verbinden. In Devgath münden zwei Flüsse ineinander und dort ist eine buddhistische Kultstätte. Dazu eine imposante Hängebrücke. Also etwas, was wir uns nicht entgehen lassen sollten. Und wenn schon, dann sollten auch die beiden students of social work und die beiden Besucherinnen aus Indien mit. Dieser Plan war schon bei Verkündung nicht zu diskutieren. Die Reisegruppe bestand also aus drei ausgewachsenen Europäern, zwei indischen Schwestern, fünf Inderinnen, einem Boby und einem Kishor. Macht 12. In Deutschland würde man sagen, eine ausgewachsene Reisegruppe. Problem: Fahrzeuge: ein Mahindra Geländewagen mit fünf echten Sitzplätzen und zwei Notsitzen und ein Kleinkraftrad mit geschönter Zwei-Mann-Sitzbank. Macht neun Plätze… Meine anfängliche Freude, nicht im Auto mitzufahren, sondern auf dem Sozius von Bobys Moped Platz zu nehmen, erwies sich recht schnell als Trugschluss. Schon die Fahrt auf normaler Straße war „Steiß“treibend. Aber das letzte Drittel auf unbefestigten Wegen wird mir lange in Erinnerung bleiben. Wenigstens hab ich Farbe bekommen und der Wind ist mir schön um die Nase geweht. Im Auto wird’s nicht besser gewesen sein.

Zurück zum Thema – Im Bambushaus angekommen, mussten wir leider feststellen, dass das Werkzeug um das es uns ging, nämlich das in den Metallkisten, doch bei Ruth steht. Im Bambushaus waren nur die Schaufeln usw. gelandet. Und das wenige, was noch da ist, ist in einem fraglichen Zustand. Dieser Vormittag war also für die Katz. Das Bambushaus ist aber wirklich schön und eine Konstruktion wie diese habe ich noch nie gesehen. Dies hier alles zu beschreiben wäre dann wirklich zu lang. Gibt’s zu Hause. Also ging es wieder zurück.

So ein Steiß… Mit einer Unterbrechung zum Mittagessen in einem kleinen Restaurant bis zur Little Flower School. Dort waren wir um zirka 13:00 Uhr. Zwischendurch hatten wir Ruth kontaktiert und Gott sei Dank ist das Werkzeug doch wieder bei ihr gelandet. Also noch an das Flussdelta und dann zu Ruth, Werkzeug kontrollieren und um 18:00 Uhr auf dem Dach der Schule sitzen, denken, planen, entspannen und früh ins Bett.

Denkste. “It gets Nepali again”. An der Schule angekommen, wurde zur Überraschung aller festgestellt, dass die Temperaturen deutlich über null liegen und eine Siesta wohl angebracht sei. Spätestens 15:00 Uhr sollte es weiter gehen. Tschüss, Feierabend auf dem Schuldach… Als es schließlich um 16:00 Uhr fast mit meiner rheinischen Gelassenheit vorbei war (und übrigens bei Simon schon vermehrte Herztätigkeit zu bemerken ist), geht es tatsächlich los. Nach kurzer Fahrt sind wir an der Hängebrücke. Ein imposantes Bauwerk und unfassbar schöne Umgebung. Einige Mitglieder der Reisegruppe fühlen sich auf der Brücke nicht so wohl. Ich schon. Tolle Sache, toller Ausblick. Das hier versöhnt schon für den Tag bisher. Der Weg auf der anderen Seite der Brücke bis zum Delta mit vielen Tempeln, Skulpturen und heiligen Männern auch. Es geht zwar steil auf und ab, aber es gibt immer viel zu sehen. Affen toben über unsren Köpfen. Beeindruckend auch die jungen Frauen und Männer, die wirklich schwere Lasten auf ihren Köpfen tragen.

Nachdenklich werden wir, als uns eine sehr alte Frau mit einer noch älteren Frau auf dem Rücken entgegenkommt. Auch das ist Nepal. Unten am Fluss angekommen, wird uns angeboten, mit dem Boot überzusetzen. Die Mädels wägen die Angst vor der Brücke mit der der Bootstour ab. Ergebnis, Boot ist nicht so schlimm. Simon, Kishor und ich laufen. Wir wollen noch Eindrücke sammeln. Zurück beim Auto geht’s nach Hause in die Schule.

Dort angekommen schwingen wir uns auf unsere Räder und fahren zu Ruth. Wenn wir das Werkzeug schon nicht mehr heute kontrollieren können, so wollen wir es doch wenigstens heute noch sehen. Erst dann können wir beruhigt schlafen. In Ruths neuer Wohnung angekommen finden wir die Kisten unter der Treppe. Wohlbehalten. Ruth zeigt uns ihr neues Nepalzuhause. Wirklich schön und gemütlich. Wir sitzen auf der Terrasse, schauen über das Land und haben ein wirklich gutes Gefühl.

Ruth erzählt von positiven Veränderungen, aber auch von Sorgen und Nöten. ACHTUNG jetzt wird´s nicht nepalisch, sondern scouterisch. Eines ihrer akuten Probleme ist, dass bis Ende der Woche die Batterien der Solarstation des Krankenhauses aufgestellt werden und der dafür vorgesehene Raum voll mit Müll und zugemauert ist. Der Mitarbeiter (einer der Staatsangestellten) findet immer neue Ausreden, warum dies nicht zu schaffen oder zu machen sei. Die finale Ausrede war, dass die Wand nicht zu öffnen sei. Zumindest nicht in Kürze. Simon, ich und unsere Metallkisten halten kurz mentale Rücksprache und stellen fest – sie ist zu öffnen. Ruth, zuerst etwas ungläubig, zieht mit und so Radeln wir zu dritt in der Dämmerung zum Krankenhaus, um eine Mauer niederzureißen (historisch gesehen nicht ungewöhnlich für Deutsche, aber womöglich das erste Mal in Nepal). Am Krankenhaus angekommen wird unter den Augen des staunenden Wachpersonals binnen kurzem im Licht von zwei Taschenlampen mit Flex und Hammer ein ordentlicher Zugang zum Müll geschaffen. Ruth ist glücklich (als Schweizerin ist es ja auch der erste  Mauerfall der sie direkt betrifft) und wir auch. Schnell zurück in die Schule. Vielleicht bekommen wir noch was zu essen.

Es ist mittlerweile dunkel und wir müssen feststellen, dass Licht nicht zur Standardausrüstung unserer Räder gehört. Übrigens auch nicht zu nepalesischen Straßen. Wer wissen will wie das ist so zu fahren kann es mal versuchen. Einfach mal eine Schlafbrille anziehen und von Bonn nach Godesberg fahren. Ob B9 oder am Rhein egal. Hat beides denselben Effekt. Aber – keine Sorge – wir sind angekommen und haben uns auch nur ein bisschen verfahren.

Fazit: Bei Ankunft in der Schule – Simon und ich von etwas Arbeit total verschwitzt und dreckig – schauen uns an und Simon stellt fest „Na – das war ja schon mal ein Vorgeschmack auf den Herbst“. Meine Antwort „Super – oder ?“. Dann gehen wir duschen. Direkt mit Klamotten. Man kann ja auch mal zwei Sachen gleichzeitig Waschen. Sich und seine Klamotten. Scouterisch halt. Ein bisschen bekloppt, aber praktisch.

Gute Nacht und bis morgen. Ich bin schon sehr gespannt, was er bringen wird. Ihr werdet`s erfahren.  

 

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17.05.2015

Wünsche und Pläne

Heute ging es mit dem eigentlichen Grund unseres Besuchs los. Planen, was im Herbst zu tun ist.

Hierzu haben wir uns heute nach dem Frühstück mit Father Michael getroffen. Er hat neue Nachrichten von der Regierung erhalten. 22 Grundschulen in der Region sind ganz oder teilweise zerstört. Die Regierung möchte, dass diese Schulen als erste wieder aufgebaut werden. Da dies aber bis zum Beginn der Regenzeit Anfang Juni nicht zu realisieren ist, wird damit nach der Regenzeit begonnen. Die Frage an uns ist nun, ob wir den Aufbau der einen Schule (es ist die, die wir bei der Wanderung in die Berge 2013 besucht haben) übernehmen wollen. Es handelt sich um vier Räume mit Wellblechdach. Die Fundamente stehen noch. Wir werden die Reste der Schule übermorgen besuchen. Simon und ich halten dies, mit Hilfe von nepalischen Maurern, mit der Hälfte des Teams für machbar. Die Kosten für das Gesamtprojekt werden mit zirka 28.000,- € beziffert. Viel Geld. Aber es sind die gesamten Personalkosten drinnen. Wie hoch der Anteil ist, ist noch nicht klar. Wenn man nach deutschen Verhältnissen rechnet, sollte das um zirka die Hälfte billiger werden. Die Regierung möchte die Schulen zwar wieder ans Laufen bringen, scheint aber kein Geld dafür zu haben….. Die Fathers sagen aber, dass sie einen Teil dazu beisteuern würden. Schaun wir mal.

Weiter geht es zu Ruth ins Rathnanagar Hospital. Wir bekommen eine Führung durchs Krankenhaus. Mit gemischten Eindrücken. Es passt zu den Erzählungen von Ruth. Der eine Teil ist staatlich, der andere privat. Ein Teil ist sehr gepflegt und ordentlich, ein Teil nicht… Baustellen kleinerer und größerer Art gibt es reichlich. Klar ist, dass große Teile der Wände und Türen etwas Farbe dringend nötig haben. Hallo Metes. Das sind aber tatsächlich Arbeiten, die wir gut erledigen können. Dazu kommen kleinere Aufgaben wie hier eine Trennwand zu ziehen, auf dem Dach die (schon vor dem Erdbeben) undichten Dachabdeckungen zu erneuern.

Auf dem Dach wird derzeit eine riesen Solaranlage von Shanti gebaut. Das Krankenhaus ist dann unabhängig vom Stromnetz, sodass die Dialysestation eröffnet werden kann. Die Instrumente sind schon da.

Und natürlich, jeder, der Ruth kennt, ahnt es schon: sie möchte eine außenliegende Toilette für die Besucher. Es gibt zwar schon eine, aber die fassen wir nicht an… Den Wunsch nach einem Spielplatz haben wir Ruth ausgeredet. Schule, Klo und alles andere ist wichtiger. Da sieht Ruth auch so.

Alles in allem sind wir also gut ausgestattet mit Arbeit. Wir versuchen jetzt zu erfassen, was wir tatsächlich schaffen können. Und natürlich auch bezahlen. Auch wenn Ruth uns Mittel von Shanti zur Verfügung stellt.

Danach gings nach Hause. Wir beide auf den Fahrrädern sind auf jeden Fall ein Hingucker. Den Nachmittag lassen wir es ruhig angehen. Simon geht mit Milena shoppen und ich mach die Wäsche. Jetzt gibt es Essen und ich will danach online das Spiel von Pauli verfolgen.

Mehr Morgen – gehabt euch wohl !

 

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16.05.2015

Hallo

Hallo – wieso denn Hallo? Hat der Jan schon einen Sonnenstich? Nein, hat er nicht. Hallo aus zwei Gründen. Ich (wir wäre in diesem Falle falsch) habe jede Menge Bekannte getroffen. Geplant und ungeplant. Und Hallo, weil wir heute wieder viel erlebt haben. Aber wie immer der Reihe nach. Ich versuche mich kurzzufassen.

Aufstehen und mit Father Michael und den Schwestern frühstücken. Da gibt es zum Frühstück schon mal Nudeln. Dazu die Information, dass die Schule für weitere 15 Tage geschlossen bleibt. Das kann uns erstmal egal sein. Aber Milena (der stete Namenswechsel zwischen Milena und Melanie ist meinem gestrigen Zustand und dem Rechtschreibeprogramm geschuldet. Sorry, Milena…) ist traurig. Sie kann also erst in den letzten Tagen wieder Kinder beschulen. Das scheint ihr Spaß zu machen und dafür ist sie ja auch gekommen. Nun denn, Aufgaben wird sie finden und in der nächsten Woche Simon und mich begleiten. Das „wir“ hat also Zuwachs bekommen. Sogar eine Scouterin. Milena hat sich mal ein halbes Jahr versucht. Aber zurück zu heute.

Auf dem Programm stand, Ruth bei einem „Camp“ zu begleiten. Ein Camp bedeutet in diesem Falle, dass Ruth sich ein Auto mit Helfern schnappt, in ein Dorf fährt und Sprechstunde unter einem Baum hält. Dazu sollten auch noch Lebensmittel verteilt werden. Diese Lebensmittel werden von der Navodaya School und der Little Flower School besorgt. Es gab davon seit dem Erdbeben 16. Alle in Chepangdörfern. Die Kosten für alles (auch die Medikamente) belaufen sich auf zirka 2500 Euro pro Camp. Ein solches Camp hat Milena mit ihrer Spendenaktion finanziert, die Übrigen von Shanti med Nepal. Von den offiziellen Hilfsgeldern und Gütern ist hier noch nichts angekommen. Ein immer wiederkehrendes Problem.

Wir haben also Ruth am Rathnanagar Hospital abgeholt. Das erste Wiedersehen des Tages. Ich habe mich sehr gefreut, sie gesund, munter und voller Tatendrang nach längerer Zeit wiederzusehen. Wenn es biologisch möglich wäre, hätte ich geschworen, dass sie jünger geworden ist. Es geht also über Stock und Stein, zirka eine Stunde lang. Dann sind wir da. Ein Baum, ein Tisch und zirka 50 Leute. Schnell die Medikamente ausgepackt und los geht’s. Das Behandlungsspektrum geht von der Hautkrankheit bis zum Zähneziehen. Ohne Betäubung! Aber das meiste, so sagt Ruth, sind Beschwerden im Zusammenhang mit dem Erdbeben. Kopfschmerzen, Schwindelgefühle und Bauchschmerzen. Verstehe ich nicht. Aber Ruth klärt mich auf, dass das wohl auf eine Mischung aus Angst und Stress zurückzuführen ist. Ruth und ihr Kollege haben richtig zu tun. Es kommen ständig neue Patienten. Milena hat von irgendwo Kleidung mitgebracht und verteilt sie an die Leute. Sieht lustig aus, ist aber eigentlich traurig, dass die Menschen wohl nur wenig mehr Kleidung besitzen als die, die sie tragen. Da ich nutzlos in der Gegend rumstehe (Simon macht fleißig Bilder) und das eines der wenigen Dinge ist, das ich nicht mag, schlendere ich zum Dorf. Je näher ich komme, umso mehr fällt mir auf, dass es sich wohl eher mal um eins gehandelt hat. Jede Hütte (Naturstein und Lehm) ist zumindest zum Teil eingestürzt. Und in der Mitte – Hallo, ein neuer Bekannter – die orangeblaue Plane. Wir haben übrigens auch eine riesen Rolle mitgebracht und ich muss meine Aussage von gestern zurücknehmen. Die Gewebeplane, die wir kennen, ist dicker. Der Unterschied ist in etwa so groß wie der zwischen Pfannkuchen und Crêpe…. Schnell zurück zu den anderen, bevor ich wieder über den Monsun nachdenke.

Wieder zurück steht auf einmal ein kleiner Mensch neben mir, der mir doch sehr vertraut vorkommt. Hatte ihn bloß größer in Erinnerung. Es ist Maya. Gutgelaunt und kichernd (sie, nicht ich) begrüßen wir uns. Wir sind in ihrem Dorf gelandet. Irgendwann muss sie fort. Vermutlich ihren Freundinnen erzählen, wieso sie den großen weißen Mann so gut kennt. Nach zirka vier Stunden sind fast alle Medikamente fort und ich meine Ruth anzusehen, dass es sie wirklich anstrengt. Sie hat in den letzten zwei Jahren so gut Nepali gelernt, dass sie nicht mal mehr einen Übersetzer braucht. Wir beschließen, die Zeit der Lebensmittelverteilung (das erledigt Kishor) in ein nahegelegenes Restaurant zu gehen. Es liegt zehn Gehminuten von dem zerstörten Dorf entfernt. Mit Wachmann. Paradox. Ich denke da nicht weiter drüber nach an dieser Stelle. Das Essen ist wirklich gut. Ebenso die Aussicht auf einen Fluss und in die Täler. Aber ein Beigeschmack bleibt dennoch.

Dann geht es wieder zurück nach Hause. Wir 2/3 (also Simon und ich) lassen uns in Tandi absetzen, um einen gestern ausgeheckten Plan in die Tat umzusetzen. Wir kaufen zwei quietschgrüne Fahrräder. Mit Körbchen. Die sollen uns diese Woche und im Herbst gute Dienste leisten. Ansonsten sind sie für die Kinder in der Schule.

Wir erregen nur geringes Aufsehen… Zwei Weißnasen auf viel zu kleinen Damenfahrrädern mit Rucksack in Nepal. An der Schule angekommen, ist die Freude groß. Über das komische Bild und über die Aussicht auf die Räder. Während die verbliebenen Kinder die Räder ausprobieren, sind wir zum Fünfuhrtee bei Father geladen. Er fragt uns, ob wir heute noch in der Little Flower School an einem Geburtstagsessen teilnehmen wollen. Es ist wohl eine rhetorische Frage. Also nichts mit Wäsche waschen, duschen und dann ins Bett. Wir sind ja nicht zum Spaß hier. Milena sagt, dass das nicht lange dauern wird. Abfahrt ist 19:00 Uhr. Wir sind vor 45 Minuten zurückgekommen. Jetzt ist es 0:00 Uhr. Aber das Essen war wirklich gut. Und ich habe Father Cherian wiedergetroffen. Er hat uns letztes Mal das Fußballspiel ermöglicht und uns einen unvergesslichen Tag geschenkt.

Wir sprechen viel über unser Projekt im Herbst und haben einige Ideen und Pläne erörtert. Darum geht’s dann morgen. Zusammen mit Ruth werden wir versuchen herauszufinden, was wir alle machen sollen und können.

Doch wieder lang geworden. Ist wie gestern. Simon schläft – ich schreibe. Hätt` ich doch besser in der Schule aufgepasst. Dann hätt ich fotografiert….. Gute Nacht euch allen.

 

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15.05.2015

 Nepal ? – Ganz schön mutig !

Das war der Begrüßungssatz beim Einchecken Samstag in Düsseldorf. In dieser oder ähnlicher Form haben wir – das sind Simon und ich – seit unserem Entschluss, das Vorauskommando (wir sagen aber lieber unmilitärisch Vorgucker) für unser diesjähriges Nepalprojekt trotz der Umstände vor Ort durchzuführen.

Dabei soll ganz klar gesagt werden, dass wir hier nicht als Katastrophentouristen oder als Heldenteam angereist sind. Es geht uns darum, dass wir jetzt, noch mehr als vor den Beben, noch genauer hinschauen müssen, wo wir helfen und wie wir es gut organisiert bekommen, dass alle 30 Teilnehmer gut eingebunden sind und wir möglichst effizient arbeiten können. Noch viel wichtiger ist aber, dass wir das Vertrauen der Teilnehmer, deren Eltern und des Vereins haben, das Projekt durchzuführen und die Verantwortung, alle Teilnehmer wieder heile und gesund nach Deutschland zu bringen. Auch unsere Partner hier vor Ort möchten das.

Simon und ich haben uns dazu einige Fragen gestellt, die wir alle mit ja beantwortet haben wollten. Ein einziges Nein hätte diese Reise beendet. Die Fragen waren:

 

  1. Fliegt die Turkish Airline Kathmandu an ?– Ja, tut sie. Wir hätten aber stornieren dürfen.
  2. Ist der Flughafen offen und gibt es keine Warnung einer öffentlichen Stelle dort zu landen? – Ja.
  3. Ist der Transfer von Kathmandu in das Zielgebiet in Chitwan ohne langen Aufenthalt gewährleistet? – Ja.
  4. Wollen unsere Partner in Nepal, dass wir kommen – Ja, sie wollen. Und zwar dringlicher denn je.
  5. Haben wir den Rückhalt unserer Familien? – Ja, natürlich begleitet von Ängsten und Sorgen. Das geht mir (ich glaube auch Simon) nicht anders.

    

Wie Ihr seht, gab es fünfmal ein Ja und deshalb schreibe ich euch hier aus Nepal. Aber der Reihe nach.

Vor Abreise haben Simon und ich (zukünftig einfach wir…) in Nepal nachgefragt, was dort dringend benötigt wird. Von Ruth bekamen wir eine Liste mit Medikamenten, die uns Fred Prünte über seinen Apotheker (Namen habe ich leider nicht parat – trotzdem Danke!) kostenfrei besorgt hat. Uns erschien es darüber hinaus wichtig, so viel Wasserreinigungsmittel (Micropur) beizupacken, wie es das Gewicht zulässt. Auch hier ein Danke an die Jungs von Walkonthewildside, die uns das zum Einkaufspreis zur Verfügung gestellt haben. Aber auch dann ist das immer noch schw….teuer. Immerhin ist es aber so viel, dass wir damit zirka 100.000 Liter Wasser entkeimen könnten. Ja, die Zahl stimmt. Darüber hinaus sind wir noch mit reichlich Medikamenten für jeden erdenklichen Krankheitsfall ausgestattet worden. Danke, Frau Dr. Wigger. Daneben haben wir für den Eigenbedarf Wasserfilter / Lebensmittel / zwei Zelte / Reserve-Akkus für Kommunikationsmittel und und und mit. Auf gut deutsch: zwei so gut ausgerüstete Scouter sind noch nie in die Welt gezogen. Eher ungewöhnlich für unsern Schlag Mensch.

Simons Papa (Danke) hat uns nach Düsseldorf gebracht, die Turkish Airlines nach Istanbul, wo wir mit kurzem Weg und kurzem Stopp in eine nur zu einem Drittel belegte Maschine nach Kathmandu gestiegen sind. Fast ausschließlich Mitglieder von Hilfsorganisationen und freiwillige Helfer, die unser Projekt ebenfalls sehr gut finden. Gott sei Dank noch mehr Bekloppte außer uns. Die Belegung hatte auch zum Vorteil, dass wir uns, zumindest kurz, mal langlegen konnten. Und für den Herbst: die Route ist besser als die alte.

Gelandet in Kathmandu um 06:15 Uhr ging es flott durch den Zoll. Das Gepäck hat lang gedauert. Der Laderaum war Gott sei Dank voll. Mit Hilfsgütern. Diese stapeln sich in jeder freien Ecke des Flughafens. Drinnen wie draußen. Mit der Verteilung scheint es nicht so zu klappen. Vor dem Flughafen erwarteten uns Boby und der immer ruhige Fahrer Kishor. Die Wiedersehensfreude nach fast zwei Jahren war groß. Da uns aber noch eine lange Fahrt nach Tandi bevorstand, sind wir flugs aufgebrochen. Bevor wir uns auf die Reise machten, wollten wir noch die Don Bosco Schule besuchen.

Es galt dort zwei Dinge herauszufinden. Zum einen, ob die Schule ein sicherer Übernachtungsort für die Rückreise ist und zum anderen, ob die Schulleitung bereit und willens ist, uns auch mit 30 Mann zu beherbergen. Beides kann mit Ja beantwortet werden. Wenn wir in der Schule schlafen sollten, ist das so gut wie ein Hostel. Ansonsten ist der Schulhof so groß, dass wir dort alle zelten könnten. Daneben gab es ein wirklich opulentes Frühstück.

Kathmandu: Wir sind ja nun durchgefahren. Mit einem wirklich komischen Gefühl. Anfangs habe ich gedacht „is ja gar nich so viel kaputt – wozu die Aufregung?!“ Bei genauerem Hinsehen stellt man aber fest, dass jedes zweite Haus massive Risse aufweist und es doch viele unnatürliche Lücken gibt. Ich weiß nicht wie – aber die Nepali scheinen in Irsinnstempo wegzuräumen, was wegzuräumen geht. Das ist natürlich an den großen Straßen einfacher als in den Vierteln mit engen Gassen. Auf die haben wir dann auch einen Blick erhaschen müssen. Die Häuser sind fast alle abgestützt, wenn sie noch stehen, und die Menschen tun was sie können. Es riecht auch deutlich strenger, als ich das in Erinnerung habe. Und ja – jetzt fällt mir auch auf, dass auf jedem freien Fleck Zelte stehen. Na, Zelte eher nicht. Eher Planen. Außen blau und innen orange. Gewebeplanen, wie wir sie aus dem Baumarkt kennen oder unter unsere Zelte legen. Und unter jeder steht mindestens ein Bett. Die Leute haben Angst. Das Leben läuft aber nach außen ruhig und gefasst weiter. Und noch etwas fällt auf – viele Läden sind geschlossen und es ist so ruhig, weil wenige Menschen unterwegs sind. Na dann ist das ja kein Wunder. Boby sagt, alle Inder sind nach Indien verschwunden. Die meisten haben Läden. Die Zahl der Inder kennt man nicht. Aber 200.000 sollen es sein. Und alle Nepali, die Verwandtschaft in nicht betroffenen Regionen haben, sind dorthin verschwunden. Die Schulen sind zu. Sonderurlaub….

Während wir in die Außenbezirke fahren (hier wird’s schlimmer, wird doch viel mehr wild gebaut) und schließlich ganz aus der Stadt rauskommen, löst die Farbe Braun die der Planen ab. Erdrutsche. Und immer wieder taucht in meinem Kopf das Wort Monsun auf. Kann ich leider nicht mit den Plastikplanen in Deckung bringen. Aber ich staune, es wird an einigen Ecken schon wieder aufgebaut. Hut ab vor diesen Menschen.

Je weiter wir uns von Kathmandu entfernen, umso „normaler“ wird die Lage. Im Süden, nahe der Grenze zu Indien, erkenne ich „mein“ Nepal wieder. Wir nähern uns Bharatpur und somit der Little Flower School. Legendärer Austragungsort des ersten internationalen Freundschaftsspieles der Scouter im Jahr 2013. Bobby und ich überschütten Simon mit Geschichten, um dann auf dem Hof der Little Flower School zu stehen. Hallo sagen halt. Natürlich gibt es wieder was zu Essen. Leider keine Momos. Hier hatten wir die besten. Simon schaut mich fragend an – ist das nicht das Land, wo es nur Reis und Bohnen gibt? Heute nicht. Nach kurzem Plausch geht es weiter Richtung Tandi zur Navodaya School. Es ist ein bisschen, als wär man grad erst gefahren.

Als wir auf dem Schulhof stehen, stelle ich fest, dass sich doch was verändert hat. Es gibt ein neues Gebäude. Genauso wie „unser“ altes, nur ein bisschen größer. Melanie begrüßt uns. Es muss Melanie sein, sie ist die einzige Weißnase außer uns. Ich bestelle schöne Grüße von Nico und gestehe ihr, dass ich ihr kein (wie von Nico gefordert) Flens mitgebracht habe. Ich entschied mich für Schwarzbrot. Melanies Reaktion sagt mir – bessere Wahl.

Ich lasse meinen Blick schweifen. Auf dem Schulgelände stehen auch diese „Zelte“. Das Beben hat mich wieder. Melanie beruhigt uns. Ja, es hat gewackelt, hier und da auch dolle. Es ist aber in der ganzen Stadt und der näheren Umgebung kein nennenswerter materieller Schaden entstanden.

Die Kinder hatten Angst. Jetzt ist´s aber mehr so ein Spiel und ein „ich mach was, was ich sonst nicht darf…“ -  kenn ich. Hab auch Kinder. Die hier schwirren um uns herum und machen einen glücklichen Eindruck. Gott sei Dank, auch alle auf der ganzen Welt gleich bekloppt.

Father Michael begrüßt uns. Auch nach anderthalb Jahren ist sofort wieder dieses „guter Typ,der“-Gefühl da. Nicht ohne Stolz zeigt er uns den Neubau und führt uns in „unser“ Zimmer. Alles neu. Eigenes Klo. Zwei Betten und…… eine Klimaanlage…..die geht aber noch nicht. Wohl erst später. Wir werden zum Essen eingeladen. Das dritte Mal warm an einem Tag – in Nepal? Ich lass mir doch nicht meine Weltanschauung kaputtmachen. Wir lehnen dankend ab, beziehen das Zimmer und schlafen nicht draußen. Alle Erwachsenen hier tun das die ganze Zeit. Also warum den Erstbezug einem anderen überlassen. Wir duschen uns (es sind hier übrigens mindestens 40 Grad, also deutlich wärmer als im Herbst) und beschließen, nochmal nach Tandi zu laufen und mich mit ortsüblichen Schlappen zu versorgen. Unterwegs werden wir ständig freundlich begrüßt. Mehr als beim letzten Mal. Es begegnet uns aber sonst auch kein Weißer.

Zurück im Schulgelände gibt es rechts und links einen Plausch mit den Kindern. Sie kennen schon alle unsere Namen. Ich konnte mir keinen merken. Zu viele. Dann winkt uns Father Michael heran und nötigt uns dann doch die dritte warme Mahlzeit mit den Schwestern auf. Mist verloren. Jetzt aber schnell ins Bett. Vorher noch ein paar Meldungen absezten und kurz den Blog schreiben. Pustekuchen. Milena kommt, fragt, ob wir Abendessen wollen – wollen wir nicht – aber zum Geburtstagsständchen eines Lehrers kommen wir schon. Na klar. Wir beschließen, morgen mit Ruth und Melanie in eines der Dörfer zu fahren. Hilfsgüter verteilen. Es gibt zum Geburtstag noch ein Eis. Jetzt aber nur noch ab ins Bett. Simon liegt schon - ich finde kein Ende.

Will ich aber. Mein Tag soll jetzt auch zu Ende gehen. Er hat Donnerstagmorgen um acht Uhr begonnen. Jetzt ist es zuhause fast sechs (hier halb zehn). Laut meinen Berechnungen 34 Stunden. Nicht nur einer der längsten Tage in meinem Leben – mit Sicherheit auch einer der intensivsten. Und er ist nicht wirklich vorbei. Wahrscheinlich erst, wenn ich wieder in Bonn bin. Da, wo es angefangen hat. Bei meiner Familie. Und es wird viel zu erzählen und  verarbeiten geben. Bestimmt auch Gutes.

Zeit für das letzte Fazit für heute: Die Entscheidung zu kommen war richtig. Bisher spricht nichts gegen das Herbstprojekt. Im Gegenteil. Egal, was wir bauen, reparieren oder aufräumen. Wir kommen zu Freunden und denen ist gerade jede Hilfe Recht - und unsere besonders. Diese gebeutelten Menschen haben jede Hilfe verdient. Und ein Recht auf Normalität. Auch das können wir ihnen geben. Also los.

Ach ja – Morgen mach ich kürzer - Die Klimaanlage läuft – und gut, dass wir zu zweit hier sind – Fire Fighter

 

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